Die Basis fürs Alleinebleiben

Wenn es ums Alleinebleiben geht, denken viele Hundemenschen zuerst an die geschlossene Tür.
Man verlässt kurz den Raum, kommt nach ein paar Sekunden zurück und verlängert die Dauer Schritt für Schritt. Der Hund soll lernen: „Mein Mensch kommt eh wieder.“

Und ja – natürlich ist es wichtig, dass Rückkehr verlässlich erlebt wird. Aber oft liegt der eigentliche Knackpunkt ganz woanders.

Denn die entscheidende Frage ist nicht: Kommt mein Mensch zurück?
Sondern: Wie geht es mir, während mein Mensch gerade nicht da ist?

Alleinebleiben als Verständnisfrage

Eine Frage höre ich als Expertin für Alleinebleiben Training immer wieder:

„Wie soll ich das Alleinebleiben dann aufbauen, wenn ich nicht einmal die Zimmertür schließen kann, ohne dass mein Hund Stress bekommt?“

Und genau darin steckt oft schon das erste Missverständnis.

Denn eine geschlossene Tür zwischen dir und deinem Hund ist nicht der erste Trainingsschritt. Für ganz viele Hunde ist sie bereits 100 Schritte zu weit. Wir konzentrieren uns beim Alleinebleiben oft auf die Trennung selbst. Auf die Sekunden hinter der Tür, auf die Minuten alleine in der Wohnung oder darauf, wie lange der Hund es „aushält“.

Dabei beginnt das Training für ein entspanntes Alleinebleiben viel früher.

Viele Hunde müssen zunächst lernen, zur Ruhe zu kommen, obwohl nicht ständig etwas passiert. Sie dürfen erfahren, dass Nähe nicht permanent hergestellt werden muss, um sich sicher zu fühlen. Sie dürfen lernen, sich selbst zu beschäftigen, sich zu entspannen und nach kleinen Aufregungen wieder zur Ruhe zu finden.

Und dafür brauchen sie zunächst uns, die ihnen durch im ersten Schritt Co-Regulation auch beibringen wie man wieder zur Ruhe findet. Sie brauchen Menschen, die ihnen dabei helfen, ihre Emotionen zu regulieren. Die Sicherheit geben, Orientierung schaffen und immer wieder zeigen: „Du bist nicht allein mit diesem Gefühl, schau so kannst du den Stress abbauen.

Selbstregulation entsteht nicht von heute auf morgen. Sie ist keine Fähigkeit, die Hunde einfach mitbringen oder eben nicht haben. Sie entsteht durch viele kleine Lernerfahrungen, Wiederholungen und vor allem durch die Verlässlichkeit ihrer Menschen.

Warum mich die Aussage „Er muss lernen, dass ich zurückkomme“ als Trennungsstress-Expertin nervt…

Es ist zu kurz gegriffen und kommt von einem auch mittlerweile veralteten Trainingstandard fürs Trennungstraining.
Damals ist man eben, davon ausgegangen, dass Hunde nur verstehen müssen „dass wir eh wieder kommen…“ und dennoch sind extrem viele Hunde aus diesem Raster rausgefallen, und haben im laufe ihres Lebens Trennungsstress gezeigt.

Es ist schön, wenn ein Hund „weiß“, dass wir wieder zurückkommen.
Aber dieses Wissen allein hilft wenig, wenn er mit der Abwesenheit seines Menschen nicht umgehen kann.

Ein kleines Beispiel aus unserer Menschenwlet:
Wenn wir für eine Zeit von einem geliebten Menschen getrennt sind, kann das vollkommen in Ordnung sein. Wir vermissen die Person vielleicht, aber wir bleiben handlungsfähig, wir wissen, wie wir mit diesem Gefühl umgehen können. Wir können unseren Alltag weiterleben, uns ablenken, entspannen oder uns etwas Gutes tun.

Fehlen uns diese Strategien, wird aus Vermissen schnell Überforderung. Die Trennung fühlt sich belastend an und die Zeit bis der geliebte Mensch wieder da ist kann unerträglich werden.

Genau deshalb ist die entscheidende Frage beim Alleinebleiben nicht, ob dein Hund weiß, dass du zurückkommst.

Sondern ob er gelernt hat, wie er sich während deiner Abwesenheit sicher, entspannt fühlen kann UND wenn mal Stress aufkommt – wie er sich wieder runter regulieren kann.

Entspannung und Regulationsstrategien als Fundament für eine gute Trennung

Ich könnte euch jetzt hier fünf Tipps und Trainingsanleitungen geben, mach ich aber nicht.

Nicht, weil es keine Übungen gäbe, die hilfreich sein können, sondern weil ich weiß, wie schnell man sich an die nächste „einfache Antwort“ auf ein komplexes Thema klammert und Hunde genauso wie wir individuelle Wesen sind bei deinen pauschale Antworten oft mehr schaden können.

Deshalb möchte ich euch viel lieber einen Denkanstoß mitgeben:

Welche Situationen im Alltag können Chancen sein, deinem Hund Regulation beizubringen?

Und dabei ist mir eines ganz wichtig: Dein Hund braucht dich und deine Unterstützung.

Ein stumpfes „Da muss er durch“ oder „Frust auszuhalten“, ist keine Lernsituation. Es ist für deinen Hund in erster Linie frustrierend und führt nicht dazu, dass er lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen und sich zu regulieren.

Viele Hunde müssen Regulation überhaupt erst lernen, sie müssen lernen, wie sie nach Aufregung wieder zur Ruhe finden können. Wie sich Entspannung anfühlt und wie sie mit schwierigen Momenten umgehen können.

Und genau dabei dürfen und sollten wir sie begleiten.

Ihr habt im Alltag wahrscheinlich genügend Situationen, die für euren Hund aufregend sind. Genauso individuell wie unsere Hunde sind, sind auch die Möglichkeiten, wie wir sie unterstützen können.

Vielleicht hilft deinem Hund ein Ausstreifen von Stress durch Berührungen oder Massage. Vielleicht ein Schnüffelspiel. Vielleicht ein kurzes Zergelspiel, wenn du darin besonders gut bist.

Wichtig ist, dass die Aufregung und Action am Ende immer weniger werden, dass das Spiel ausläuft. Damit dein Hund die Erfahrung macht wie er, wieder in einen ruhigen Zustand zurückzufinden.

Darf dein Hund auch alleine Spaß haben?

Und wenn wir schon beim Thema Beschäftigung sind:

Wie oft beschäftigt sich dein Hund eigentlich ganz alleine?

Und wie oft kommst du bei diesem Spiel dazu?

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Fan von Extremen oder starren Vorschriften bin. Es gilt wie immer: You do you. So, wie es für euch als Team passt.

Aber gerade eigenständiges Spiel kann eine richtig wertvolle Lernerfahrung sein, das heißt aber nicht, dass du nicht mehr mit deinem Hund spielen darfst nur, dass du ihm auch ab und an die Erfahrung lässt: „Hey, ich kann auch alleine Spaß haben.“

Für viele Hunde ist das ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Selbstständigkeit.

Ich kann mich noch gut an ein Mensch-Hund-Team erinnern, das ich bereits im Welpenalter beim Thema Alleinebleiben begleiten durfte. Jahre später haben sie mir erzählt, wie wertvoll genau dieser Gedanke für sie war. Sie hatten davor nie darüber nachgedacht, ihrem Hund bewusst Raum für eigenes Spiel und Spaß zu geben. Heute ist er richtig gut im Alleinebleiben und auch im eigenständigen Beschäftigen 😉

Also gut – vielleicht gebe ich euch doch noch den einen oder anderen Tipp mit auf den Weg. 😉

Konditionierte Entspannung

Eines meiner liebsten Mittel um den Hund bei der Ruhe zu unterstützen ist die Konditionierte Entspannung, es dauert etwas sie aufzubauen, aber erstmal richtig aufgebaut und vor allem lange genug trainiert, kann sie aufgeregten Hunden dabei helfen, leichter in die Ruhe zu finden.

Zum Aufbau habe ich vor einigen Jahren bereits in dem Artikel zu Silvester erklärt wie man die konditionierte Entspannung aufbauen kann.

Die Box wird oft falsch genutzt

Weil es leider immer noch von manchen Trainerinnen und Trainern empfohlen wird:

Einen Hund zum Entspannen in eine geschlossene Box zu sperren, ist keine Unterstützung und in den seltensten Fällen lernt dein Hund Regulation dadurch.

Auch wenn der Hund irgendwann ruhiger wirkt, bedeutet das nicht automatisch, dass er gelernt hat, sich zu regulieren oder sich besser zu fühlen. Abgesehen davon ist das dauerhafte Einsperren in einer geschlossenen Box auch tierschutzrechtlich nicht zulässig (was aus mehreren Gründen auch gut so ist, alleine schon wenn man an die Temperaturregulation denkt uvm.)

Etwas völlig anderes ist eine Box, die immer offen steht, positiv aufgebaut als Ruheort wurde und freiwillig genutzt werden kann. Für viele Hunde kann sie ein großartiger Rückzugsort sein. Aber das sind zwei Paar Schuhe.

Fazit:

Wenn du aus diesem Artikel nur einen Gedanken mitnimmst, dann diesen:

Alleinebleiben beginnt nicht bei der geschlossenen Tür, es beginnt viel früher mit der Fähigkeit sich nach aufregenden Momenten wieder regulieren zu können.

Genau deshalb gibt es beim Alleinebleiben auch keine Patentlösung, jeder Hund bringt andere Erfahrungen, Bedürfnisse und Herausforderungen mit.

Wenn wir aufhören, nur die Trennung zu trainieren, und stattdessen beginnen, die Fähigkeiten die es dafür braucht aufzubauen, verändert sich oft das gesamte Bild. Denn das Ziel ist nicht, dass dein Hund deine Abwesenheit möglichst lange aushält, das Ziel ist, dass er sich währenddessen sicher fühlt.

Wenn du das Thema gemeinsam mit mir angehen möchtest, hast du verschiedene Möglichkeiten:

Für viele Mensch-Hund-Teams ist mein Onlinekurs „Entspannt alleine“ der perfekte Begleiter. Dort bauen wir das Alleinebleiben Schritt für Schritt auf – immer mit dem Fokus auf Selbstregulation, Sicherheit und einem Tempo, das zu deinem Hund passt. WICHTIG es ist zwar ein Selbstlerner – aber durch die Betreuungsgruppe habt ihr mit dem Kurs immer auch mich als Unterstützung dabei, in der Gruppe gebe ich euch Feedbacks zu eurem Trainingsaufbau und eurer individuellen Situation (das gibt es so nirgends, war mir aber wichtig damit ihr den Weg nicht alleine geht).

Manche Teams profitieren aber von einer ganz individuellen Begleitung, dafür biete ich auch Einzelstunden an, in denen wir gemeinsam euren Trainingsweg erarbeiten.

Und wenn du dir gerade gar nicht sicher bist, was für euch das Richtige ist, dann komm gerne zu einem Online-Schnuppertraining, dort schauen wir uns eure Situation in Ruhe an und finden gemeinsam heraus, welcher Weg für euch am meisten Sinn macht. Wichtig hierfür bitte falls ihr schon ein Thema habt Videos durchschicken von eurem aktuellen Stand.

Ich freu mich darauf euch bei diesem Thema als Trennungsstress-Expertin begleiten zu können.